Neulermer Goiselknaller
  Unser Brauchtum
 
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Unser Brauchtum

Eine Tradition, die von den Hütejungen ausging, fast vergessen war, und heute wieder lebt.

Woher das Goiselknallen kommt

Wie in vielen Dörfern hat sich auch in Neuler der Brauch unter den Hütejungen verbreitet. Sie hüteten das Vieh auf der Weide – früher den ganzen Sommer, im 19. Jahrhundert vor allem im Herbst nach dem zweiten Heuschnitt – und übten dabei mit ihren Goiseln, damit es nicht langweilig wurde. Im Herbst, wenn das Vieh nicht mehr auf die Weide kam, knallten sie durchs Dorf: um die Bauern an ihren Lohn zu erinnern, und ein bisschen auch, um den Mädchen aufzufallen.

Ähnliche Bräuche gibt es in vielen Regionen: das Aperschnalzen im bayerisch-salzburgischen Rupertiwinkel, das Goaßlschnalzen in Oberbayern, das Chlöpfen in der Schweiz oder das Karbatschen an der Fasnet am Bodensee. Weil das laute Knallen als heidnischer Brauch galt, war der Dorfpfarrer darauf nicht gut zu sprechen. So geriet das Knallen fast in Vergessenheit, aber eben nur fast.

Was alte Quellen verraten

Aufgeschrieben hat das Goiselknallen in Neuler früher niemand, aber in alten Büchern über unsere Gegend finden sich deutliche Spuren:

  • Das Wort: „Goisel“ ist einfach die schwäbische Aussprache von „Geißel“. Das Wort gibt es schon im Althochdeutschen. Gemeint war zuerst ein spitzer Stecken zum Antreiben des Viehs; später kam die Schnur dazu. In Bayern und Österreich sagt man „Goaßl“, dort heißt der Brauch Goaßlschnalzen. Das Wort „Peitsche“ kam erst später aus dem Slawischen dazu.
  • Die Peitsche gehörte zum Hüten: Schon im 15. Jahrhundert schrieb eine Nürnberger Ordnung vor, dass ein Bub beim Hüten von Schafen und Vieh nur eine Geißel oder einen Stecken tragen durfte.
  • 1476 knallte es in Ulm: Heinrich Steinhöwel schreibt in seiner Fabelsammlung von einem Reiter, der sein Maultier „mit der knellenden gaiseln“ antreibt.
  • „Patschen“: In einem Volkslied aus dem 17. Jahrhundert heißt es „da patschet sein Geisel, da knallet sein Schnur“ – genau so, wie man bei uns heute noch sagt, dass die Goisel „batscht“.
  • 1852, Raum Ellwangen: Ernst Meier berichtet, dass am Georgitag (23. April) die Buben in den Dörfern um Ellwangen mit Peitschen herumziehen, knallen und dabei Eier, Mehl, Schmalz und Geld einsammeln. Neuler gehörte damals zum Oberamt Ellwangen.
  • 1862, Lohn für den Hirtenbuben: Anton Birlinger beschreibt, dass dem Hirtenbuben am Ende der Hütezeit jedes Jahr Mehl, Eier und Butter von Haus zu Haus zustanden.
  • 1886, Hüten im Herbst: Die Oberamtsbeschreibung Ellwangen berichtet, dass die Rinder nach dem zweiten Schnitt auf die Wiesen getrieben wurden, „bis Mitte Oktober und darüber hinaus“, und dass beim Einzelhüten nur Kinder auf das Vieh aufpassten. Für Neuler nennt sie ein Schafhaus, einen Hirtenweiher und über 1200 Morgen Weide.

Das passt gut zusammen: Die Kirchweih am dritten Sonntag im Oktober fiel genau auf das Ende der Herbstweide. Dann waren die Hütejungen fertig – und knallten durchs Dorf, um an ihren Lohn zu erinnern.

Einen Bericht genau aus Neuler suchen wir noch: Ein Lehrer hat 1900 für eine württembergische Volkskunde-Umfrage die Bräuche in Neuler beschrieben (Landesmuseum Württemberg, Konferenzaufsatz Neuler), und in Hüttlingen hat Schultheiß Fleischer um 1900 das Knallen aufgeschrieben. Wer etwas darüber weiß, meldet sich gern über Kontakt.

Quellen: E. Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben (1852); A. Birlinger, Volksthümliches aus Schwaben Bd. 2 (1862); Beschreibung des Oberamts Ellwangen (1886, online bei Wikisource); Deutsches Wörterbuch der Brüder Grimm, Stichwort „Geisel“.

Wie es in Neuler weiterging

Wie lange die Hütejungen in Neuler schon geknallt haben, weiß niemand genau. Die ersten Fotos stammen von der 875-Jahr-Feier des Dorfes. Um 1990 hörten wir auf dem Heimweg von der Kirche einen Bauern knallen, da erinnerte sich mein Vater an den alten Brauch und ließ ihn wieder aufleben. Viele Jugendliche lernten es, und auch einige Ältere holten ihre Goisel wieder aus dem Schuppen. Daraus wurde eine Art Fest: Beim Training am Freitagabend gab es Apfelsaft und Zwiebelkuchen, und an der Kirchweih knallen wir seither jedes Jahr durchs Dorf (siehe Kirchweihroute).

Seit 2000 begeistern wir die Jugend jedes Jahr im Ferienprogramm der Gemeinde. Das Interesse ist jedes Mal groß, auch wenn die Begeisterung kurz nachlässt, wenn man die Goisel zum ersten Mal an die Ohren bekommt. Gut Ding braucht halt Weile.

Knallen heute

Das Peitschenknallen wird inzwischen als lebendiges Kulturerbe ernst genommen: Das Aperschnalzen im Rupertiwinkel steht seit 2013 im österreichischen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO. Und die Wissenschaft hat den Peitschenknall längst entschlüsselt, die Spitze der Goisel wird schneller als der Schall. Wie das funktioniert, erklären wir unter Wissenschaft; die aktuellen Guinness-Rekorde stehen unter Rekorde.

Was unsere Goiseln besonders macht: Sie werden aus Stricken gebunden, nicht aus Leder geflochten. Deshalb kann sie jeder selbst bauen, wie, zeigen wir Schritt für Schritt unter Goiselbau.

Verwandte Bräuche

Peitschenknallen gibt es an vielen Orten. Die Peitschen heißen dort Goisel, Goißel, Goaßl, Geissel oder Karbatsche. Der Knall ist überall derselbe, aber Anlass, Jahreszeit und Technik unterscheiden sich.

Brauch Wo Wann Besonderheit
Goiselknallen, Goißelpatschen Ostalb: Neuler, Hüttlingen, Rotenbach, Röhlingen Kirchweih im Oktober aus dem Viehhüten entstanden, lange Goiseln mit Stecken
Goaßlschnalzen Oberbayern, Tirol bei Festen, oft zur Blasmusik mehrere Schnalzer im Takt zur Musik
Aperschnalzen Rupertiwinkel und Salzburger Land Winter bis Fasching Gruppen schnalzen nacheinander im festen Takt, um den Winter zu vertreiben
Karbatsche schwäbisch-alemannische Fasnet Fasnet Narrenfiguren knallen beim Umzug; das Wort kommt aus dem Türkischen (kırbaç), erst seit dem 17. Jh. belegt
Schnöllen Fasnet (z. B. Munderkingen), Tirol Fasnet, Feste ein- und zweihändig
Chlöpfen, Chlauschlöpfen Schweiz, z. B. Lenzburg Advent bis Sankt Nikolaus Knallen um die Wette und im Takt
Fuhrmannspeitsche, Wettkampf Schwäbische Alb, z. B. Albverein Westerheim Sommer Wettbewerbe in Klassen nach Peitschenart und Länge
Bullwhip, Stockwhip USA, Australien Show und Sport kurze, schwere Lederpeitschen, Kunststücke und Rekorde (siehe Rekorde)
Geißelläufer Grosselfingen (Zollernalbkreis) Fasnet kündigen den Narrenumzug mit rhythmischem Knallen an, UNESCO-Kulturerbe seit 2015
Wolfauslassen Bayerischer Wald 11. November Lärmbrauch mit Kuhglocken zum Ende der Weidezeit
Karawatschler (Bechtelistag) Frauenfeld, Thurgau (Schweiz) Fasnet eine von drei festen Traditionsfiguren
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● Goisel auf der Ostalb   ● Schwäbische Alb   ● Fasnet   ● Schweiz   ● Bayern und Tirol. Die Punkte stehen auf dem Ort, nicht auf einem genauen Platz.

Mehr Gruppen mit Links stehen in unserer Linkliste.

Mitmachen

Wer Lust hat mitzuknallen oder einfach mal zuschauen will, ist herzlich willkommen, an der Kirchweih in Neuler, beim Training oder im Ferienprogramm. Fragen, Fotos, Zeitungsausschnitte oder Kritik: einfach über Kontakt melden. Ihr findet uns auch auf Facebook, YouTube und Instagram.

Viel Spaß auf der Seite!

Hier geht es weiter

  • Goiselbau: Schritt für Schritt zur eigenen Goisel aus Stricken.
  • Wissenschaft, warum die Peitsche knallt: Überschall, Hochgeschwindigkeitsaufnahmen, Akustik.
  • Kirchweihroute, wo und wann wir an der Kirchweih in Neuler knallen.
  • Bilder: Fotos seit 1988 und Zeitungsberichte.
  • Rekorde, die Guinness-Weltrekorde rund um die Peitsche.
  • Termine und Kontakt, mitknallen, zuschauen, Fragen stellen.